Alltag

Meine Woche 35 // Stadt vs. Land 

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Ich bin u.a. aus Neukölln weggezogen, damit ich nicht mehr mitten in der Nacht das Schnarchen des Hundes und den dumpfen Bass der Bar gegenüber zu einem völlig neuen Beat verbinde, ich nicht im Halbschlaf Schimpfwörter den verschiedenen Sprachen zuordne, und damit nachts um halb drei keine Drohne direkt neben meinem Schlafzimmerfenster lustige Instagram-Bilder von einer Studentengruppe schießt, die vorm Späti auf der Bank an ihrem Wein nippt und sich köstlich amüsiert.

Versteht mich nicht falsch, ich habe das Leben in der Großstadt genossen. Die Tür geht auf und man steht mitten im Leben. Leute sehen, Cafés, Spielplätze, kleine süße Läden, alles fußläufig oder mit dem Fahrrad erreichbar.

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Je älter und mobiler der Räuber wurde, desto lauter rief plötzlich die Freiheit des Landlebens nach uns.

Plötzlich haben sich die Prioritäten verschoben. Es geht nicht mehr um den hipsten Mom Style auf dem Spielplatz, eine Galerieeröffnung oder dem Brunch-Angebot vom Vintage Café um die Ecke, sondern darum, der Nacktschneckenzucht vom Jungen ein adäquates Winterdomiziel zu bauen.

Auf dem Land ist alles sehr viel geplanter. Nicht jeden Tag ist Remmidemmi. Mal passiert auch einfach gar nichts, man spielt im Garten, quatscht mit den Nachbarn am Zaun und geht mit dem Hund Stöckesammeln im Wald.

In der Stadt hingegen ist der Tag nicht programmierbar. Mal findet direkt vor der Tür eine Demo statt oder eine Gruppe junger Leute mit Instrumenten spielt mitten auf der Straße ein kleines Konzert. Man lässt sich treiben, vielleicht trifft man eine befreundete Mutter auf dem Spielplatz, kauft Stoffe und Gewürze auf dem Markt oder kommt zufällig an einem Flohmarkt vorbei.

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Ich bin dennoch sehr froh über unsere Entscheidung. Hier wacht man zwar auch mal nachts auf, weil die Feuerwehrsirenen im Dorf losgehen, man hochschreckt und glaubt, beim Kriegsdrama auf Netflix eingenickt zu sein. Zumindest liest man am nächsten Morgen aber nichts von der Drogenrazzia, der Schlägerei oder den Überfällen im Kiez. „War nur wieder dem Huber Sepp sei Katze, die ned vom Dach kam!“, ruft der Postbote am nächsten Morgen winkend auf seinem Fahrrad mir zu. Memo an mich, neuen Concealer kaufen – man muss mir die Nacht wohl ansehen…

„Es riecht nach Kindheit und Gülle“

Wir haben Kühe, Schafe, Hühner und Rehe um uns herum und die vielen Wiesen und Felder riechen nach Kindheit und Gülle. Die Nachbarskinder klingeln und holen Junior zum Kettcar-Fahren ab, setzen ihm eine Kapuze auf wenn es regnet und rennen Hand in Hand durch den Garten. Keine Ahnung, ob ihm das in zehn Jahren auch noch reichen wird, bis dahin genießen wir aber die Beschaulichkeit, das Behütetsein und die gute Laune.

Früher dachte ich, ein Leben auf dem Land ist langweilig und öde! Ich brauche Abwechslung, Abenteuer und den Nervenkitzel. Heute brauche ich nur dem 2-Jährigen beim Karottenschälen zuzuschauen.

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Weitere Dinge, die mir erst hier auf dem Land aufgefallen sind:

  • Wie höflich und freundlich die Kinder hier sind. Wahrscheinlich, weil sie sich im Klaren darüber sind, dass sie sich mit ihren Eltern gut stellen müssen. Da die Auswahl an öffentlichen Verkehrsmitteln mau ist, werden sie wohl bis zum 18. Geburtstag auf die Fahrdienste ihrer Eltern angewiesen sein.
  • Jetzt weiß ich endlich, an was mich die Art wie mein Sohn Spagetti isst, erinnert. Wir haben heute Pferden Gras gegeben.
  • Was wäre, wenn die Zahl auf Kinderschuhsohlen gar nichts über die Größe aussagt, sondern die Kubikmeter Sand misst, die hineinpassen?

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