Alltag

Meine Woche 44 // Zeitumstellung stinkt 

Jeden Freitag gibt es Neues aus dem Alltagsdschungel. 

Samstag:

Mein Miniatur-Menschlein ist heute so selbstverständlich mit seinem Gehwagen durch den Görlitzer Park gelaufen, dass es mich gewundert hat, dass ihm kein Gras angeboten wurde.

Wochenende bedeutet für meinen Sohn, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Papa ist zuhause und der soll ruhig wissen, wie „easy“ so ein Tag mit Kind ist. Das berechnende Frettchen schläft also bis 8 Uhr (durch!!), um 11 Uhr fällt er in einen glückseligen dreistündigen(!) Mittagsschlaf, am Nachmittag wird ein bisschen freudig gequiekt, während er sich alleine(!) mit seinen Bauklötzen beschäftigt und um 19:29 Uhr reibt er sich seine Äuglein und wenn er könnte, dann würde er seine Milch fertig machen, seinen Schlafsack umwerfen und hinter sich die Kinderzimmertür schließen.

Den dreistündigen Mittagsschlaf konnte ich dann prima für ein bisschen Bastelei nutzen. Junior hat bald Geburtstag und während ich Babyfotos in sein Fotoalbum klebe, schwelge ich in Erinnerungen. Vor einem Jahr saß ich hier mit einer Kugel, dicken Füßen, Rücken und keiner Vorstellung davon, dass mein Leben bald bunter als ein Konfettiregen sein würde.

Ja, ich bin super Oldschool. Ein digital hergestelltes Fotobuch wäre wesentlich einfacher gewesen, ich wollte aber Bilder einkleben. Ich finde den Gedanken schöner, dass mein Sohn irgendwann mal das Buch in seinen Händen hält und wenn er will, dann kann er sich ein Foto herausnehmen und aufhängen,…..bla bla blopp, das war die Kitsch-Seifenblase, die soeben über meinem Gesicht geplatzt ist. „Bestimmt“, sagt der Mann „Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie Junior das Album in seine kleine Studentenbutze mitnimmt und seinen Homies stolz die Bilder mit breiverschmiertem Gesicht, in 48-facher Ausführung, mit nur minimal veränderter Gesichtskasper-Mimik zeigt.“

„Upps“, entkommt es mir, als ich das Bild mit dem Brei verschmierten Gesicht auf die letzte Seite des „Mein erstes Jahr“-Albums klebe. Auf dem Foto ist er vier Monate alt. Ich sehe mich schon in 18 Jahren seine 452 Fotoalben in eine Umzugskiste packen, die er dann „aus versehen“ beim Sprintereinladen vergessen wird.

Sonntag:

Hallo lieber Erfinder der Zeitumstellung. Dir gehört mal sauber eine mit dem Wimmelbuch übergezogen. Zeitumstellung ist doch so sinnlos wie Fahrstuhlmusik. Es ist 7:23 Uhr und ich habe bereits den 54. Klötzchenturm erbaut. Caesar wäre stolz auf mich gewesen. Der Sohn war um 5:30 Uhr wach. Es ist so traurig, wenn eine fünf vorne steht. Ich habe versucht ihn mit zu uns ins Bett zu nehmen und so zu tun, als würden wir alle noch tief schlafen und es wäre noch mitten in der Nacht. Dank des gut ausgeprägten Moro Reflexes meines Sohnes und dem daraus resultierenden Verlust von 26 weiteren Haupthaaren, ist er dann tatsächlich noch mal eingenickt. Exakt zwei Minuten später muss sich aber der wuschelige Langschläfer des Hauses zum morgendlichen Schütteln von seinem Kissen erheben. Gefolgt von einem ausgiebigen gähnen mit Sound, lässt er sich nach einer 360° Drehung genüsslich wieder in sein Schlafkissen plumpsen. Zeitgleich zum Aufprall des Hundekörpers auf dem Kissen, öffnete das Menschendkind wieder seine Augen. Bravo.

Nachmittags hatte der Mann Baby-Schicht, damit ich endlich mit meinem Blog online gehen konnte. Während der Mann sich 17 Minuten intensivst mit einem Puzzle beschäftigte, dessen Teile so groß wie Untertassen sind, lutschte Junior an Kopfhörern und untersuchte mit der Fernbedienung den Mundraum des Hundes auf Zahnstein.

Abends war es dann schwer ihn wachzuhalten. Wie eine Michelin Mumie ist er mit ausgestreckten Händen durch die Wohnung gelaufen, um dann um halb sieben auf dem Flokati vor Müdigkeit zusammenzubrechen.

Montag:

Der Blog ist also online. Ich glaube es nicht. Ich war in den letzten Wochen oft verzweifelt, entmutigt und technisch überfordert!! Jetzt kann es losgehen. Also wenn Baby schläft.

Apropos Schlafen: Heute einen saublöden Moment gehabt. Wer kennt es nicht. Man hält sein Baby im Arm, mit einer Hand hält man ihn fest, mit der anderen hält man die Flasche. Und dann juckt die Nase! Wenn ich die Flasche aber wegziehe, dann laufe ich Gefahr, dass ich das magische Zeitfenster verpasse, in dem seine Augen auf Halbmast sind und es nur noch wenige Minuten dauern kann, bis ich endlich die Wohnung aufräumen, Abendbrot machen und noch mal mit dem Hund raus gehen darf.

Dienstag:

Morgens: Ich stehe in der Küche und bereite Milchbrei zu, während meine Müdigkeit Kaffee aufsetzt und Junior mir die Jogginghose runterzieht. Endlich verstehe ich das mit dem „am Rockzipfel hängen“.

Mittwoch:

Mein Alltag besteht aus Wiederholungen. „Aus“ zu dem Hund, „Nein“ zu dem Kind, „Danke“ zu dem DHL Lieferanten und „Kassenbon brauche ich nicht“, im Supermarkt. Neu in meinem Jargon-Potpourri  „Nein Justus Junior“, (ab und zu ertappe ich mich, dass ich schon wie meine Stiefmutter in ernsten Situationen alle Vornamen aufzähle), „man isst nicht im Stehen auf dem Stuhl. Setz dich hin!“

Das kann ich in Dauerschleife sagen. Bringt aber nichts. Ich werde ignoriert. Das Kind steht beim Essen, der Hund bettelt und wartet nur auf den passenden Moment, dem Kind den Brei aus dem Gesicht zu schlecken. Also werde ich weitermachen müssen, so wie die Öffentlich-Rechtlichen mit den Sissi Wiederholungen zur Weihnachtszeit.

Donnerstag:

Ich dachte immer, dass ich noch mindestens ein Jahr hätte, bis ich mich mit dieser heimtückischen Trotz/Motz-Phase des Sohnes auseinandersetzen müsste. Hm, war wohl nichts. Wenn irgendwas nicht so läuft, wie der 80 cm Stöpsel es gerne hätte, aber wegen seines auf „da“ begrenzten Wortschatzes nicht ausdrücken kann, dann schmeißt er sich neuerdings auf den Boden. Er legt sich der Länge nach hin und fängt an zu weinen (das motzige, nicht das traurige Weinen). Er beißt, haut und zieht an allen abstehenden Körperteilen. Warum ist das denn jetzt schon so? Ich dachte ich habe noch Zeit, bis ich peinlich berührt bei REWE die Kurve kriegen muss.

Aber mir sollte schnell geholfen werden. Im Zirkusworkshop (ich sag jetzt mal nicht den Namen des Donnerstag nachmittags Kurses, falls der sehr bemühte Vater das liest und mir dann keine weiteren Tipps mehr geben will), also im besagten Zirkuskurs, während Junior andeutete die keine Clara liebevoll zu umarmen und die rundherum sitzenden Clownspraktikanten gerade tief Luft holen wollten um gleich mit einem „ohhhhhh“ die super süße Geste meines Sohnes zu bejubeln, nahm Junior Clara beherzt in den Arm, zog sie zu sich und biss ihr in die Schulter. Puh! Tut mir leid Clara! Der Vater nahm es aber gar nicht so schwer und gab mir den Ratschlag, meinem kleinen Piranha zu zeigen, dass seine Taten wehtun. „Wie, ich soll ihm wehtun?“, frage ich entsetzt? „Naja nicht so wirklich“, antwortet Claras Papa. „Im Moment denken Kinder wohl noch wir wären eine Person, wir wären Eins.“ Das kann ich mir aber kaum vorstellen, denke ich. Immerhin gehe ich gerne schlafen, weine nur halb so viel und mag Pastinaken. Ich wäre ein braves Baby.

Zuhause ging mir das Gespräch dann aber nicht aus dem Kopf und ich dachte, ich muss das ausprobieren. Im nächsten Moment, als das Schlitzohr mir wieder kräftig an den Haaren zog, täuschte ich also vor, dass ich echt Schmerzen hätte. Im Prinzip hatte ich die auch, wenn meine Kopfhaut nicht schon längt eine Hornhaut, à la der Podologe freut sich über Ihren nächsten Besuch, angesetzt hätte. Ich tat also so, als würde ich weinen. Ich wusste, dass der Schauspielkurs an der Abendschule (damals, als ich noch nach den Sternen griff und Großes vorhatte) nicht ganz umsonst war. Allerdings bekam ich von meinem Sohn keine Oskar, sondern den Beweis, dass meine Nase tatsächlich an meinem Gesicht angewachsen ist.

Freitag:

Der Sohn hat heute die selben Sachen von gestern noch mal an. Sauber! Sauber!

2 Kommentare zu „Meine Woche 44 // Zeitumstellung stinkt 

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