Reisen mit Baby

Von der Großstadt auf die Insel – Katja tauschte ein sicheres Leben in Hamburg gegen ein abenteuerliches Inselleben in Thailand

Ich drückte ihn an mich und dachte, das wars jetzt

„Es regnete in Strömen. Ich saß mit meinem Sohn in einem klapprigen Holzboot. Er war gerade mal vier Jahre alt und hielt sich mit seiner kleinen Hand an meinem Oberschenkel fest. Die Überfahrt kam mir wie eine Ewigkeit vor. Dem Kleinen ging es immer schlechter. Wir waren auf dem Weg zum Arzt auf dem Festland. Manu hatte starkes Fieber. Der Wind peitschte mir das Salzwasser ins Gesicht, sodass ich kaum die Augen offenhalten konnte. Das Boot wackelte und während ich mit einer Hand meinen Sohn im Arm hielt, krallte ich mich mit der anderen in das weiche Holz der Bank, auf der wir saßen. Bei jeder Welle hopsten wir ein paar Zentimeter nach oben, um im nächsten Augenblick unsanft zurückgedrückt zu werden. Die Wellen waren hoch und schlugen gegen das Boot“ „Ich habe Angst, Mama!“ sagte Manu. „Ich drückte ihn an mich und dachte, das wars jetzt.“

Das ist nur eine der zahlreichen Geschichten, die Katja in den vergangenen Jahren in Thailand erlebt hat. Vor 12 Jahren brachte sie das Schicksal auf die kleine Insel Koh Bulon.

„Ich hatte genug von Deutschland, meinem Job in der Werbung und den immer gleichen Abläufen“, sagt Katja. „Ich ging los und kaufte mir ein Lotterie-Los“. Katja hatte Glück im Unglück. Nicht der Lottogewinn war der Beginn eines Neuanfangs, sondern ein trauriges Ereignis. Am selben Tag, an dem sie das Los kaufte, verstarb ihre Tante und setzte Katja als ihre Erbin ein. Ein Jahr lang plante die gebürtige Kielerin ihre Auszeit und verkaufte ihr Hab und Gut. Sie ließ ihr altes Leben, den sicheren Job, die Familie und Freunde in Hamburg zurück und beschloss, auf unbestimmte Zeit durch die Welt zu reisen. Ihre erste Station war Thailand. In einer Hängematte am Strand, wollte sie eine Route ausarbeiten und Pläne schmieden. Die Reiseplanung wurde aber nach nur wenigen Wochen verworfen und Katja blieb auf der kleinen Insel Kuh Bulon.

Sein Name ist Chen

„Ihm gehört eine keine Bungalow-Anlage in der Mitte der Insel. Er fiel mir sofort auf. Seine Augen, sein Lächeln. Wir saßen in einer Bar und tranken mit ein paar anderen Touristen Bier. Er sah mich an und wir kamen ins Gespräch. Ich würde nicht sagen, dass es Liebe auf den ersten Blick war, aber für uns beide war sehr schnell klar, hier stimmt die Chemie.“, sagt Katja. „Schnell sprang der Funken über und wir verbrachten einen wunderbaren Sommer auf der Insel.“

Katja und Chen

Katja entschied in der Regenzeit bei Chen zu bleiben. „Nur so konnte ich wirklich herausfinden, ob ich bereit dazu wäre, mit Chen hier eine Zukunft aufzubauen.“ In der Regenzeit gibt es sehr oft heftige Stürme. Es sind kaum Menschen auf der Insel. Die Boote fahren sehr unregelmäßig bis hin zu gar nicht bei schlechtem Wetter. So kann es auch schon mal knapp mit dem Essen werden. „Ich kann mich an ein Jahr erinnern, da wurden uns Reissäcke per Helikopter auf die Insel geschmissen, damit wir weiterhin versorgt waren.“ Auf der Insel gab es damals keinen Supermarkt und es wächst nur vereinzelt Obst und Gemüse. In dieser Zeit laufen auch die Generatoren nicht regelmäßig. Den Generator für Strom laufenzulassen bedeutet, Benzin zu benutzen und das wiederum bedeutet Benzin auf dem Festland kaufen zu müssen. „Da wird einem diese Selbstverständlichkeit, mit der wir in Deutschland das Wasser oder das Licht anmachen, eine Steckdose nutzen oder Lebensmittel in einen Kühlschrank lagern, erst wieder richtig bewusst“, sagt Katja. Doch sie blieb und zwei Jahre später kam ihr Sohn Manu auf die Welt.

Es gab Wochen, da mussten wir uns nur von Reis, Tunfisch und einem Ei ernähren

Die Schwangerschaft verlief unproblematisch. „Wie gerne hätte ich aber einen dieser Vorbereitungskurse besucht oder Bücher zu dem Thema gelesen. Aber ohne Internet und mit höchstens einer kleinen Bücherauswahl auf Englisch auf dem Festland, fühlte ich mich etwas ahnungslos. Der Geburtstermin war im Juli und so entschied ich schon zwei Monate vor der Entbindung auf das Festland zu gehen, um im Falle einer Frühgeburt schnellstmöglich in ein Krankenhaus zu kommen. Ich hatte Angst, was gewesen wäre, wenn ausgerechnet an diesem Tag wieder kein Boot gefahren wäre.“ Katja ging auf Nummer sicher und Manu kam pünktlich mit einem Kaiserschnitt im Krankenhaus in Hat Yai, der größten Stadt Südthailands, auf die Welt.

Die Wochen nach der Geburt waren sehr anstrengend. Erst wohnten die drei bei Chens Familie. „Es gab nur eine Toilette im Garten und gewaschen wurde sich draußen im Sarong, mit anderen Frauen zusammen. Das war auch wieder eine neue Erfahrung für mich“, sagt Katja. „Im Krankenhaus wurde mir nie gezeigt, wie man stillt oder das Baby richtig wickelt. Ich war froh, Leute um mich zu haben, die mir halfen. Ich kann mich an eine Situation erinnern, als ich mit Baby Manu auf der Veranda saß. Er weinte und plötzlich kamen die Nachbarskinder und erklärten mir, was ich zutun hätte. In Thailand ist es ganz normal, dass die größeren Kinder auf die Kleinen aufpassen, sie mehr oder weniger erziehen und beaufsichtigen. Ich musste mich aber erst daran gewöhnen, dass mir kleine Knirpse sagen, wie ich meinen Jungen richtig halten oder beruhigen kann.“

Ich musste mein Kind tragen und meinen Mann stützen

Chen hatte schon länger starke Rückenschmerzen. Noch vor Manus Geburt war es so schlimm, dass er oft im Rollstuhl saß oder auf Krücken gehen musste. „Wir beschlossen quer durchs Land zu reisen, um verschiedenste Schamanen um ihre Hilfe zu bitten. Baby Manu war immer mit dabei. Ich trug ihn in einer Trage. Einen Kinderwagen hatten wir nicht. Erstens ist das in Thailand eher unpraktisch und zweitens gibt es selbst in einer Stadt wie Hat Yai nur eine Auswahl von drei Modellen, von denen ich keines wirklich empfehlen würde.“

Am Ende entschied sich Chen dann doch für eine Operation im Krankenhaus und die kleine Familie konnte nach all den Ereignissen endlich auf ihre Insel zurückkehren.

Eine Kindheit auf der Insel hat viele Vor- und Nachteile

Manu wächst in der Natur und am Strand auf. Er hat eine unbeschwerte Kindheit. Allerdings hat das Inselleben auch seine Schattenseiten. „Als Manu fünf Jahre alt war, stellte sich heraus, dass er Asthma hat. Er musste damals Regen nur anschauen und schon wurde er wieder krank. Viele Male standen wir vor der Entscheidung, fahren wir mit dem Boot aufs Festland, um zum Arzt zu gehen oder ist es doch nicht so schlimm. Ich kann mich an einige Überfahrten in der Regenzeit erinnern, die schrecklich waren und unsere letzte hätte sein können.“

Manu

„Nach dem ersten Jahr in unserem kleinen Bungalow konnte ich Chen überreden ein richtiges Steinhaus zu bauen. Ich weiss noch wie dankbar ich war, endlich in ein richtiges Haus zu ziehen. Durch den kleinen Bungalow fegte oft der Wind und wir hatten keinen Strom. Der Alltag kehrte ein und Chen und ich arbeiteten wieder gemeinsam im Resort. Der Tourismus hat sich mit den Jahren stark verändert. Früher hatten wir kein Telefon und kein Internet auf der Insel. Die Leute kamen und gingen und nichts wurde wirklich geplant. Mittlerweile wird fast nur noch im Voraus gebucht. Chen ist für das Renovieren und die Küche verantwortlich, während ich mich um die Gäste kümmere,“ sagt Katja.

Ich habe mich oft einsam gefühlt 

Die Sommer verbringen sie gemeinsam auf der Insel und in der Regenzeit bleibt Katja mit ihrem Sohn auf dem Festland. „Ich habe mich oft gelangweilt, wenn Manu im Kindergarten oder in der Schule war. Natürlich habe ich meinen Mann und ein paar Thai-Freunde, aber es hat lange gedauert, bis ich Anschluss gefunden habe. Die Thailänder sind sehr voreingenommen uns Farangs (*seminette thailändische Bezeichnung für uns Westler) gegenüber. Auch Manu hatte es nicht immer einfach als Mischlingskind. Er wächst dreisprachig auf, wurde aber schon im Kindergarten oft als „Farang“ beschimpft. Ein Cousin verteidigte ihn einmal und rief dem anderen Jungen zu, er solle die Klappe halten, Manu würde besser Thai sprechen als er.“

„Ich habe mir oft den Kopf zerbrochen, wie ich Geld verdienen könnte,“ sagt Katja. „Auf der Insel haben wir zwar sechs Monate Saison, sind aber vielleicht nur drei Monate voll ausgebucht. Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch. Einmal pro Woche müssen wir ein Boot mieten, um den Einkauf für das Restaurant auf dem Festland zu besorgen.

Wir zahlen den gleichen Preis, den auch ein Tourist zahlen muss 

Doch Katja hatte Glück. Vor kurzem sprach sie die Direktorin von Manus Schule an. Manu ist mittlerweile zehn Jahre alt und geht auf eine Privatschule in Langu. Die Schule braucht dringend einen Englischlehrer. „Ich war erst skeptisch“, sagt Katja, „sagte dann aber doch zu. Als Lehrer hat man in Thailand ein sehr hohes Ansehen. Es ist komisch, seit ich an der Schule unterrichte bin ich nicht mehr „Katja“ sondern „Teacher Katja“. Selbst die Frau im Supermarkt oder Freunde von Manu sprechen mich privat mit „Teacher Katja“ an. Für Chen war das zuerst eine große Umstellung. In Thailand herrscht immer noch ein sehr veraltetes Bild der Rollenverteilung. Der Mann kümmert sich um die Geschäfte und die Frau um die Familie. Mittlerweile ist er aber sehr stolz auf mich. Es macht mir unheimlich viel Spaß die Schüler zu unterrichten und bringt gutes Geld“, schwärmt Katja.

Natürlich gab es in all den Jahren viele schwere Zeiten und Momente in denen ich dachte, so geht das nicht mehr weiter.

Ein Zurückkehren nach Deutschland war aber nie eine Option für mich

Katja ist 53 Jahre alt lebt mit ihrem Mann Chen und ihrem Sohn Manu auf der kleinen Insel Koh Bulon. Gemeinsam betreiben sie das wunderbare Bulonhill Resort. Koh Bulon besteht aus vier kleinen Inseln, die Teil eines Meeresnationalparks sind. Koh Bulon Leh ist die größte, liegt ca 20 km vom Festland entfernt und ist bewohnt.

Ich habe Katja damals auf meiner Weltreise kennengelernt und war von ihrer Geschichte fasziniert und beeindruckt. Erst letzte Woche haben wir geskypt und ich hätte ihr noch Stunden zuhören können, wie sie über ihr Leben und ihre Erfahrungen spricht.

Familie

4 Kommentare zu „Von der Großstadt auf die Insel – Katja tauschte ein sicheres Leben in Hamburg gegen ein abenteuerliches Inselleben in Thailand

  1. Wow, was für eine mitreißende und interessante Geschichte. So ein Leben stelle ich mir wirklich anders, vielleicht auch schwierig vor. Ich wohne seit einer Woche in Malta, um ein Auslandspraktikum zu machen, und auch schon hier (obwohl es Europa ist) ist es schon sehr anders als in Deutschland. Nicht schlecht, aber anders. Ich finde es beeindruckend, Berichte zu lesen, von Menschen, die freiwillig ihr komplettes Leben in ein anderes Land verlagern. Danke, für diesen Einblick!

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    1. Vielen Dank! Es freut mich sehr, dass Dir der Beitrag gefallen hat und er passt ja tatsächlich gerade sehr gut zu Deiner aktuellen Situation. Ich wünsche Dir ein gutes Einleben auf Malta (Malta hat tolle Ecken!!). …Und wenn Du dort bleiben solltest, dann erzähle ich auch gerne Deine Geschichte ;-)

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  2. Ich bin gerade durch Zufall auf diesen Artikel gestoßen und freue mich wahnsinnig darüber! Wir haben letztes Jahr ein paar wunderschöne Tage bei Katja und Chen verbracht und die beiden sind an Gastfreundschaft kaum zu übertreffen :)

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    1. Hallo Sabine. Ach wie schön, dass er dir gefällt. Ja, die beiden sind wirklich ganz toll und haben da etwas ganz besonders geschaffen. Wir haben uns auch unglaublich wohl gefühlt, daher war es mir so wichtig ihre Geschichte zu erzählen. Ganz liebe Grüße

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