Alltag · Oh la la Mama

Oh la la Mirja // Kita Krise

„Warst Du schon mal beim Schlussverkauf? Oder bei der Eröffnung von nem Billigladen? Ziemlich ähnlich geht es bei der Besichtigung einer Kita zu. Da bist Du froh, wenn Du lebend wieder rauskommst. Oder auch nicht. Wenn Du da stirbst, bist Du wenigstens drin.“ 

For ever and ever.

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Das ist Mirja und Mirja bekommt gleich die Kitakriese! 

„Wir waren mal ganz mutig und sind zu einer ÖFFENTLICHEN Besichtigung gegangen. Ja. Wir sind eher so die krassen Typen. Andere besteigen einen Berg, leben ohne Burger und Schoki. Wir gehen auf der Suche nach einem Kitaplatz zu einer Massenveranstaltung.
Besichtigung war von 17.30 – 19.00. Um nicht als Spießer dazustehen, kamen wir um halb sechs. Das ist ne coole Zeit, fanden wir. Wir Deppen. Man ey. Haben wir denn nichts gelernt (ok, das war im Oktober).

Drinnen geht schon die Party ab. 52.843 Eltern schieben sich samt Babys durch die kleinen Räumlichkeiten. Da haben wir schon die Nase voll.

In jedem Raum hält eine Erzieherin einen kleinen Vortrag. Wir nicken andächtig und tun so, als ob wir interessiert schauen. 

Die Eltern kann man in drei Gruppen einteilen:

1. Die Intellektuellen. Die sind schlau und stellen Fragen wie: Wann starten sie mit dem Urfaust? Welche Sprachen außer Chinesisch bieten sie an?

2. Die Ökos. Die wollen veganes Essen und Holzspielzeug. Und immer raus. Auch bei einem Atomangriff. 

3. Die Hipster. Also wir. Alles egal, wir müssen wieder arbeiten. Ach ja, und Avocados.

Wir hören nur mit halbem Ohr zu, denn ich suche DIE LISTE. Die Liste ist die Warteliste, in die man sich einträgt, nur dann hat man eine Chance auf den Platz. Gibt’s hier nicht, aber ich finde den Bewerbungsbogen. Scheisse. Die wollen allen möglichen Mist wissen. Ich muss die Antworten am Ende wahrscheinlich vortanzen. Ich bin genervt. Egal. Da müssen wir jetzt durch.

Im letzten Raum stelle ich die einzige Frage, die mich interessiert:
Wie viele Plätze haben Sie?
Kurze Info: an dem Abend werden ca. 200 Kinder auf die Warteliste gesetzt. 
Antwort: 6 Plätze.

Ich pruste los, verwandle meinen Schock aber gekonnt in einen kleinen Hustenanfall. 
Mein Freund und ich schauen uns an – und gehen.“

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Wer momentan durch Berlin läuft kommt an Mirja und ihrem Projekt gar nicht mehr vorbei. 

KITA KRISE BERLIN

Mirja hat Nägel mit Köpfen gemacht und aus Enttäuschung, Frust und Verzweiflung mit einigen anderen Eltern die Kita Krise Berlin ins Leben gerufen. 

Mamas, Papas! Auf die Straße mit euch! 

Am 26.05 findet in Berlin die Kita Krise Demo statt! Trotz dem Recht auf einen Betreuungsplatz fehlen in Deutschland fast 300.000, in Berlin allein 13.000 Kitaplätze*.

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Keine Hebammen, keine Kinderärzte, keine Kitaplätze. Wie geht’s weiter?
Mütter und Väter können nicht zurück in den Job, weil sie keinen Betreuungsplatz bekommen. Was bleibt ist die Wut und die Existenzangst, wenn das zweite Gehalt ausbleibt.

„Ich war sauer und frustriert. Irgendwas musste passieren. Wir wussten, dass wir ein zweites Kind bekommen, hatten aber nicht mal eine Betreuung für unsere Große. Das war fürchterlich für uns“, so Mirja. „Facebook war mein Ventil. Ich postete meine Kitasuche-Erfahrungen und konnte nicht verstehen, warum das irgendwie alles so hingenommen wird, obwohl jeder durch diese Scheiße geht!“

Plötzlich wurde Mirja auf eine kleine Facebook-Gruppe aufmerksam und lernte Elise, die Initiatorin der Kita Krise Berlin, kennen. Ab dann ging es steil bergauf mit dem Projekt. 

„Was aus einer kleinen Idee werden kann, wenn man groß denkt!“

Mittlerweile ist die Vorbereitung für die Demo ein Fulltime Job. 
„Ich und ne Demo organisieren? Ja klar, dachte ich. Aber hey, manchmal bist du so verzweifelt und wütend, dass man sogar das macht.“ 

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Pressemitteilungen rausgeben, Interviews geben, Plakate basteln. Ach ja, und nebenbei ist Mirja immer noch auf der Suche nach einem…. äh zwei Kitaplätzen.

„Für die Große haben wir zwar jetzt einen Platz bei einer Tagesmutter, die ist aber leider genau auf der anderen Seite von Berlin. Ich fahre täglich 2 Stunden quer durch die Stadt, nur um mein Kind hinzubringen und wieder abzuholen.Wir gehen hier nicht für uns selbst auf die Straße, das wäre arrogant und vermessen. Wir gehen für die bessere Bezahlung und die Unterstützung der Erzieherinnen zur Demo. Der Kitaplatzmangel existiert, weil es keine Erzieherinnen gibt.“

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„Und wieder ne Kita-Absage bekommen. Das ist irgendwie immer so ein bisschen wie ein Freund, der einen verlässt. Das tut weh.
Ich habe mir ernsthaft nicht nur einmal vorgestellt, wie es wäre, wenn die Zusage kommt. So wie das andere bei einem Lottogewinn machen, oder der Oskarverleihung.

„Liebe Frau Böhm, wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können….“, hach. Das wird dann wie bei der Verkündung der Maueröffnung. Oder beim Topmodel Finale. 

Hauptsache Konfetti. 

Die Kamera fährt langsam auf mein lachendes Gesicht, ich habe Tränen in den perfekt geschminkten Augen. Meine Haut ist ebenmäßig, jeder Zuschauer gönnt mir meinen Erfolg. 

Ich umarme mein blitzsauberes Kind, hebe sie in die Luft, wir lachen ein glückliches Fernseh-Lachen. Dann rufe ich den Freund an: Wir haben es geschafft! Seine Kollegen lassen die Sektkorken knallen, er bringt abends Blumen mit und sagt: So, jetzt können wir endlich heiraten. Wir fallen uns in die Arme.

Die Welt ist gut, die Welt ist fair, die Sonne scheint.

Ich öffne die Augen. Es ist 11h, ich bin noch im Schlafanzug. Das Kind hält seinen Vormittagsschlaf und ich esse einen Keks. Die Augen sind nicht geschminkt und die Haut, ach, reden wir nicht davon.“

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Liebe Berliner*innen bitte unterstützt am Samstag fleißig die Demo. Alle Infos findet ihr auch hier. 

Demo startet an der Friedrichstraße und endet am Brandenburger Tor. Ganz wichtig: Es wird eine kinderfreundliche Demo!! Also nicht so laut, am Brandenburger Tor gibt es Spiele, Wickelzelt, Stillzelt und das Essen und Trinken ist für Kinder kostenlos.

 

 

*Quelle: https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Kurzberichte/PDF/2018/IW- Kurzbericht_14_2018_Kinderbetreuung.pdf  //  Bilder von Kita Krise Berlin

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2 Kommentare zu „Oh la la Mirja // Kita Krise

  1. Schöner Beitrag! Letztes Jahr stand ich in Berlin auf 31 Wartelisten sämtlicher Kitas in Charlottenburg und Umgebung. Eine einzige Zusage erhielt ich, aber nur weil ich gerade dann im Rahmen des regelmäßigen Klinkenputzens um die Ecke kam, als just jemand einen Platz abgesagt hatte und griff direkt zu – na ein Glück!
    Vor drei Monaten sind wir nach Niedersachen umgezogen, da lief es ganz anderes. Ich habe drei Kitas angerufen und bei der dritten direkt via Telefon eine fixe Platzzussage erhalten und das sogar ab April, mitten im Jahr!
    Der alte Platz in Berlin wurde übrigens schon mit einem neuen Kind besetzt während unsere Tochter ihre letzten zwei Wochen noch dort „absaß“…

    Gefällt 1 Person

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