Alltag

Meine Woche 4 // Vom ewigen Rechtfertigen und dem Druck eine gute Mutter sein zu wollen

Wochenende

Als Mutter bekommt man zwei Dinge in Hülle und Fülle. Das ist zum einen Schlafentzug und zum anderen sind es gute Ratschläge von allen Seiten:

Familie: „Bei uns damals ging das ratzifatzi!“,
Freunde: „Was, und ihr wollt wirklich schon nachlegen?“
Der Taxifahrer, der Junior und mich vom Flughafen nach Hause fährt: „Planen Sie schon das zweite Kind? Aber nicht bevor das erste fünf Jahre alt ist!“
Die Marktfrau am Obststand: „Uhhh, na du bist aber ein kleiner Lausbub,  warten Sie mal ab, wenn das Geschwisterchen kommt!“
Und selbst beim Späti gestern Abend werde ich gefragt, wann denn nun das zweite Kind kommt, sie würden ja schon alle (?) drauf warten.

Schön, für „alle“!

Aber so ist das als Mutter. Die Eizelle ist befruchtet und schon geht der Gute-Ratschlag-Wahnsinn los. Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, das erste Jahr mit Kleinkind und dann die Planung vom zweiten Kind. Mein Kopf steht kurz vor der Explosion. Alle in Deckung, sonst könnte einem noch ein „aber, wenn“, „würde sonst“, „lieber nicht“, „besser als“, „warum“, „darum“, „deshalb“, „gut“, „schlecht“ – „recht“ um die Ohren fliegen.

Es beginnt mit einer gut funktionierenden Partnerschaft oder Hochzeit, und der nicht lange auf sich wartenden Frage „wann denn das erste Kindchen geplant ist“. Ist man schwanger, wird man von Kursangeboten vor und nach der Geburt erschlagen. Nach der Geburt folgt das immer gern diskutierte Thema Stillen: Stillt man zu lang, zu kurz, in der Öffentlichkeit oder besser überhaupt nicht?

Egal wie man sich entscheidet und was man macht, es wird immer jemanden geben, der es besser weiß. Als Mutter wird einem jede Entscheidung in Frage gestellt, warum? Frage ich die Kassiererin, ob sie den Strichcode nicht lieber von rechts nach links  hätte ziehen sollen?

Wir sollten aufhören, so unsicher zu sein. Aber natürlich ist man unsicher, wenn man bei jeder Gelegenheit Angst haben muss, etwas falsch zu machen und dafür auch noch die Meinungen der anderen zu ernten. Als Schwangere beginnt man jedes Buch auf dem Markt zu wälzen, abendelang auf der Couch im Internet zu recherchieren und sich do’s und don’ts in sein Hirn einzuprägen.

Auf uns lastet so viel Verantwortung. Hat das Kind genug gegessen? Ist es warm genug angezogen? Was, er trägt keine Wolle-Seide Bodys? Wie oft sollte ich mit meinem Kind vor die Tür? Habe ich diesen Monat schon die Kitas angerufen und wann ist eigentlich der nächste Schwimm-, Musik- und Kidsclub-Kurs?

Aber gerade auch das Unperfekte gehört dazu! Es gibt keine perfekte Mutter, auch wenn wir Frauen das anstreben. Am Ende sind wir diejenigen, die sich selbst ein schlechtes Gewissen machen und sich rechtfertigen. Wir sollten versuchen lockerer zu sein – learning bei doing. Keine Mutter ist perfekt, aber genauso ist auch keine Mutter unperfekt – nur eben anders.

Montag:

Heute Nacht wieder mit Junior im Bett geschlafen. Bin ich eine Rabenmutter wenn ich sage, dass ich mit meinem Sohn einfach nicht in einem Bett schlafen kann? Er ist wie eines dieser Spielzeug-Wiesel, an dessen Schnauze ein Ball befestigt ist, und wenn man den Schalter anmacht, dann dreht es sich in alle Richtungen und überschlägt sich. So sieht mein Sohn nachts aus, nur das er keinen Schalter zum Abschalten hat. Eingesperrt in seinem kleinen Schlafsack schafft er es, sich 360 Grad, quer durchs Bett zu bewegen. Über mein Gesicht drüber, unter meinem Bein hindurch, Kopf heben und gucken, ob ich noch da bin, um im nächsten Moment den Kopf mit einem „Plumps“ fallen zu lassen. Meist passiert das direkt auf meinem Nasenbein.

Dienstag:

Ein Fulltimejob oder mit Junior eine Runde um den Block gehen (ohne Kinderwagen). Von der Stundenanzahl nimmt sich das nichts.

Mittwoch:

Meine zwei Shirts sehen auf dem Wäscheständer richtig süß aus, zwischen den 34 Baby-Bodys, 17 Baby-Strumpfhosen, 24 Baby-Shirts, 8 Mini-Hosen, 7 geringelten Socken (einer fehlt wieder) und den 87 Lätzchen…

Donnerstag:

Bitte entschuldigt den Weltuntergang, ich habe von Juniors Brot abgebissen, das er mir hinhielt. Ich nahm an, es sei erwünscht. Fehler!

Freitag:

Wenn ich keinen Hund hätte, dann hätte ich glaube ich nie erfahren, wie laut ich brüllen kann. Es ist Freitag morgen und wir befinden uns auf unserem allwöchentlichen Ausflug auf das Tempelhofer Feld. Es hat -5 Grad und meine 100 DEN Strumpfhose war heute dezent die falsche Wahl. Auch die halben Handschuhe sind zwar chic, dennoch vermisse ich die zweite Hälfte sehr, meine Fingerspitzen sind taub. Unser neuer, sehr kleiner Buggy, ist zwar für Reisen und mal schnell zum Arzt mein absolut neues Highlight, auf dem Feld, mit 10 cm Neuschnee und Glatteis, aber ähnlich wie meine Beinbekleidung, nicht die beste Wahl. Den Hund erstmal von der Leine, damit die Mutter-schiebt-den-Buggy-Konstellation nicht kurzerhand zum Hundeschlitten wird. Die Rechnung ging aber nicht ganz auf. Trotz Eis, Schnee und Kälte ist das Hündchen schon wieder im Mäusefieber und rennt mal eben gefühlte 10 km ins tiefste Innere des Feldes. Da stand ich nun mit meinem klitzekleinen Buggy, auf dem letzen bisschen überzuckerten Teer und rief (brüllte) nach dem Fellhaufen. Der wiederum sah aus wie in einer BBC Reportage über Maulwürfe, auf die man in der Postproduction eine 350-fache Geschwindigkeit gelegt hat und nun sehen kann, wie das Feld im Eiltempo umgebuddelt wird.

Was nun? Der Hund kommt nicht von alleine, außer die Maus kommt aus ihrem Loch, nimmt die Leine und zeigt dem Hundetier den Weg zurück, bevor sie als kleiner Snack in der Hundeschnute landet. Das Kind alleine im Wagen lassen und den Hund holen, kam mir auch irgendwie falsch vor. (Wie sich später herausstellte, eine gute Entscheidung…)

Also Kind aus dem Wagen, ab auf die Hüfte, Nase hochziehen, mit den abgefrorenen Fingern das Stirnband gerichtet und schon marschierte ich wutentbrannt quer über das Feld. Gerade noch so konnte ich den Hund im Erdloch greifen und wieder anleinen. Auf dem Rückweg, der Wind peitschte gegen meine Nylon-Strumpfhose, sah ich noch, wie in weiter Entfernung, unser klitzekleiner Buggy vom Wind quer über die ehemalige Start- und Landebahn getragen (gefegt) wurde. Ein einsamer Jogger zeigte aus 800 Metern Entfernung auf den, wie von Geisterhand über das Feld schwebenden Kinderwagen und ich zeigte (leicht genervt) nickend und winkend, dass ich darüber informiert sei, dass das unser Wagen war, der dort in die Luft stieg wie der Kite Schirm des Mannes, den wir am Eingang gesehen hatten. Am Ende sind wir knapp das gesamte Feld abgelaufen, bis wir unseren Wagen wiederhatten und ich predigte mantraartig, nie wieder derartige Ausflüge zu machen… bis nächste Woche.

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